Sollte G9 wieder eingeführt werden?

Zur Zeit darf ich mich mit G8, also dem Abitur nach nur 12 Jahren rumärgern. Aber nicht nur durchgestrichenes-g8ich halte G8 für den falschen Weg, sondern auch viele andere Schüler, Lehrer, Eltern – und anscheinend auch einige Politiker. Aber von denen kommen dann – mit Verlaub – recht seltsame Vorschläge, wie der von Sigmar Gabriel, man solle doch eine Art „Flexi-Abi“ einführen, was von der Organisation her gar nicht realisierbar wäre! Was also tun, an welchen Schrauben muss gedreht werden?

Pro / Contra G8: Früherer Einstieg ins Berufsleben

Dieser Punkt kann sowohl positiv als auch negativ gewertet werden: Für die, die einen klaren Zukunftsplan haben, ist es ein Segen, ein Jahr früher mit der Schule fertig zu sein und mit Studium, Ausbildung oder was auch immer anzufangen. Auf der anderen Seite stehen dann die, die am Anfang der 12. Klasse immer noch keine Idee haben, was sie später nach der Schule machen könnten. – Und von diesen gibt es nicht gerade wenige!

Contra G8: Gekürzte Lehrpläne → fehlendes Wissen

Die Lehrpläne sind stark gekürzt worden, was auch nötig war, um die Verkürzung auf G8 aufzufangen. Allerdings bleiben dabei oft wichtige Dinge auf der Strecke und dann heißt es oft (vor allem in den Leistungskursen): „Um das zu verstehen, müssten wir eigentlich das und das machen, können wir aber nicht, weil aus es aus dem Kerncurriculum gestrichen wurde.“ 2 Beispiele:

  • Chemie: Das Orbital-Modell, welches wichtig ist für das Verständnis von Doppelbindungen zwischen Atomen
  • Physik: In der Halbleiterphysik hätten wir in der Sekundarstufe 1 eigentlich den Transistor gar nicht durchnehmen müssen, unsere damalige Lehrerin hielt es für sinnvoll, weswegen wir es – wenn auch kurz – gemacht haben

Contra G8: Wenig Zeit für AGs oder Außerschulisches

Um trotz des fehlenden Schuljahres den Stoff dennoch durchzunehmen, ist mehrmals die Woche Nachmittagsunterricht erforderlich, manchmal sogar durchgängig bis zur 10. Stunde (7:55-17:00). Zeit für Arbeitsgemeinschaften oder andere Aktivitäten ist da nicht, gnaz zu schweigen davon, dass Unterricht zu so später Stunde nicht mehr wirklich viel bringt…

Rechnet man (unter Berücksichtigung, dass 1 Schulstunde 45 Minuten hat) dann noch Hausaufgaben und das Lernen für Tests und Klausuren hinzu, erreicht man als Schüler fast die Arbeitszeit eines Erwachsenen!

Jetzt wird mancher sagen: „Das ist doch nicht vergleichbar!” Doch, ist es! Dasitzen und sich (fast) durchgängig 10 Stunden lang zu konzentrieren, ist anstrengend.

Pro G8: Einsparungen bei den Bildungsausgaben

Na, da freut sich aber der Finanzminister, wenn er an der Bildung sparen kann. Dann hat er wieder Geld für so tolle und nützliche Projekte wie eine nicht zulassbare Drohne oder einen dicken (aber leider unfertigen) Flughafen!

– Ironie Ende –

Bildung ist das letzte woran gespart werden sollte! (Natürlich muss das Geld dort – wie in anderen Bereichen auch – sinnvoll eingesetzt werden.)

Deutschland ist ein Technologie-Standort, nicht mehr ein reiner Industriestaat. Ein gutes Bildungssystem ist eine Investition in die Zukunft, denn wer sägt schon den Ast ab, auf dem er sitzt?

Pro G8: Wiedereinführung von G9 wäre problembehaftet

Sollte der Entschluss fallen, G9 wieder einzuführen, so wäre dies nur schwer umzusetzen:

In einem Jahr würde es an den Universitäten keine oder kaum neue Studenten geben (liesse sich durch schrittweise Wiedereinführung vermindern, verursacht aber wiederum andere Probleme (→ Zentralabitur). Zudem müssten alle Lehrpläne und damit auch die Schülbücher erneuert werden. Probleme wären ebenfalls in einem Lehrer- und Platzmangel der Schulen zu sehen.

Pro G8: Europäischer Vergleich der Bildungssysteme wird möglich

Bevor man die Bildungssysteme auf europäischer Ebene vereinheitlicht, sollte man vielleicht ersteinmal in den einzelnen Bundesländern für gleiche Lehrpläne sorgen…

Dann erst kann die Politik ggf. über größere Schritte nachdenken!


Probleme bei der Umsetzung von G8:

Es kommt zu Problemen, wenn Unterricht ausfällt – was gar nicht so selten ist:

  • fehlende Lehrer (Krankheit, Fortbildungen oder Klausuren (Abiklausuren!)); hier müsste die Schule eigentlich Vertreter finden, was aber nicht immer funktioniert
  • Witterungsbedingungen (Glätte)
  • kurze Schuljahre: „frühe“ Sommerferien, dann im nächsten Jahr erst spätere Ferien → fehlende Unterrichtstage von bis zu 28 Tagen ≈ 1,5 Monate (Schuljahr 2013/14)

Probleme mit den Lehrplänen:

  • Themen zum Verständnis anderer Themen notwendig, die aber gar nicht vorgesehen sind

Optimierungspotential von G8

  • Kurssystem in der Oberstufe flexibler machen, indem Fächerkombinationen individueller gewählt werden können (z.B. statt Sport und/ oder Religion eine weitere Fremdsprache (z.B. Spanisch) wählbar)
  • mehr Zeit für die Leistungskurse → stärkere Spezialisierung
  • Gute und frühzeitige Berufsberatung
  • Ausbauen des Nachhilfesystems an den Schulen (möglichst kostenlos!)
  • Kein Seminarfach mehr in der 12. Klasse (Seminararbeit wurde bereits in der 11. geschrieben!)
  • Möglich konstante Länge der Schuljahre (kann zwischen zwei Jahren um bis zu 30 Schultage schwanken) durch geringere Zeitverschiebung bei den Sommerferien
  • Bildung muss Sache von Politikern und Experten (!) auf Bundesebene werden, damit wird auch ein „echtes“ Zentralabitur möglich

Fazit:

G8 abzuschaffen wäre meines Erachtens zu aufwändig (s.o.), denn es gab schon genug Experimente mit dem Bildungssystem, lieber sollte das jetztige System optimiert werden, indem z.B. Bildungspolitik Sache der Bundesregierung, bzw. des Bundes würde (mit eventueller Mitbestimmung der Länderregierungen).

Zumindest etwas Positives kann ich G8 abgewinnen: Ich muss ein Jahr weniger auf diesen dämlichen Schulstühlen sitzen! 😉


Artikel aktualisiert:

02.10.2013: „Optimierungspotential von G8“ eingefügt; kleinere Verbesserungen (z.B. „Pro G8“ statt nur „Pro“ in den Unterüberschriften


Wird fortgesetzt!

2 Gedanken zu „Sollte G9 wieder eingeführt werden?“

  1. Nachdem ich deinen Artikel gelesen habe, hat mich dein Fazit doch ein wenig gewundert. Aufgrund deiner vorherigen Argumentation hätte ich ein anderes Ergebnis erwartet.

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